12. November 1984. Auf der Baustelle.

Heute soll es auf die Baustelle gehen. Vorher gibt es noch jede Menge Belehrungen zum Arbeitsschutz. Das kenne ich, ich bin Elektriker und selbst auf dem Bau gewesen. Wir gehen uns einen Bauhelm abholen, dann heißt es: „Wegtreten!“ und „Antreten in Arbeitsuniform!“

In der Kaserne, die sehr weitläufig ist, wird eine Halle gebaut. Wozu, lässt sich nicht erkennen, sie ist im Rohbau fertig. Sehr viele Bausoldaten tun nicht viel. Zwei Offiziere laufen in Begleitung von zwei Bausoldaten hektisch herum, wo sie auftauchen, bewegen sich die Bausoldaten schneller. Die Unteroffiziere stehen hinter der Halle und rauchen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass hier keiner so richtig weiß, was er soll. Ich bekomme die Aufgabe, Ziegel in die Halle zu tragen. Wohlgemerkt, zu tragen, auf meine Frage nach einer Schubkarre blafft mich der Unteroffizer an: „Quatschense nich, arbeitense!“

Ich arbeite eigentlich gern und schrecke auch vor körperlicher Arbeit nicht zurück. Aber sich sinnlos abschleppen und dabei noch langsamer zu sein, und das nur, weil die NVA ihren Bausoldaten keine Schubkarre zur Verfügung stellen will? Ich muss wohl einen empörten Gesichtsausdruck behalten haben, denn als der Unteroffizier hinter die Halle verschwindet, nimmt mich ein älterer Bausoldat beiseite: „Du musst dir merken: Hier gilt das Prinzip ‚Sieben Bausoldaten ersetzen einen Bagger. Bausoldaten haben wir genug, also brauchen wir keinen Bagger.‘ Und jetzt trag ein paar Steine dahin, dann gehst du erst mal eine rauchen! Wir haben Zeit.“ Und gleich hinterher: „Komm, wir gehen gleich rauchen. Ist sowieso gleich Mittag.“

So vergeht auch der Rest des Arbeitstags. Vom Block zur Baustelle und zur Essensbaracke geht es im Gleichschritt.

Nach dem Dienst ist Appell. Wir werden belehrt, dass wir jetzt Ausgang beantragen dürfen. Dazu muss man sich morgens ins Ausgangsbuch eintragen, dass im UvD-Zimmer liegt. Ausgang ist immer von Dienstschluss, also 17 Uhr, bis Mitternacht. Ausgang wird nur gewährt, wenn der Bausoldat die Arbeitsnorm erfüllt und auch sonst einwandfreien Dienst leistet.

Die Zimmerkameraden erweitern die Belehrung um die Mitteilung, dass es auch „Ausgang bis null sechs Uhr“ gibt. Das ist allerdings eine Belohnung für besonders gute Arbeitsleistung oder für „Kratzen“, wie das Anbiedern an Vorgesetzte hier genannt wird. Die drei älteren in meiner Stube hatten noch nie Ausgang bis „null sechs Uhr“.

Wenn die den schon nicht kriegen, wie dann ich? Und was macht man denn in einer Stadt wie Brandenburg bis morgens um sechs? Die verheirateten Männer erklären mir lächelnd, dass man den Ausgang bis „null sechs Uhr“ dann beantragt, wenn die Frau zu Besuch kommt. Dann besorgt sie ein Hotelzimmer.