Was für ein Tag!
Um kurz nach fünf bin ich mit Stephan durch das Loch im Zaun aus dem Lager geschlichen. Wir sind flott über das Übungsgelände gekommen, ohne Kontakt mit Wildschweinen oder übenden Mot-Schützen und auch, ohne gesehen zu werden, am Steinbruchgebäude vorbei. In Zschorlau war ebenfalls noch niemand auf der Straße. Im Hof des Gemeindehauses standen die Fahrräder, unsere Sachen lagen im Schrank im Flur. In Zivil schwangen wir uns auf die Räder und mit Schwung und Vorfreude auf die Fete ging es hinunter erst nach Schneeberg, dann hinauf nach Schlema und dann hinab nach Aue, zum Motorrad im Pfarrhof. Die Fahrräder dort abgestellt, Armeetrainingsanzug unter die Zivilsachen gezogen, Helme auf und ab mit der 150er MZ! Leipzig, wir kommen!
Mit noch mehr Schwung ging es aus Aue zurück durch Schlema, Schneeberg, weiter über Wiesen, Wilkau. Es machte Spaß. Am Ortseingangsschild Zwickau allerdings kam die Maschine ins Stottern und ging dann ganz aus. Ich habe von Motorrädern keine Ahnung, Stephan sagt: Es ist nichts. Tatsächlich sprang das Gerät auch wieder an. Wir kamen aber nur bis zum Ring in Zwickau. Dort ging gar nichts mehr. Es war mittlerweile 8 Uhr geworden. Was nun? Wir schoben zum Dom und klingelten beim Superintendenten. Der war schon wach und freundlich und ludt uns nach kurzer Erklärung zum Frühstück ein. Das Motorrad sollten wir mal auf den Hof schieben. Nach dem Frühstück schauten wir uns noch einmal das Motorrad an. Es war klar: Hier ist nichts zu machen, da muss ein Mechaniker her. Der ist natürlich am Sonntag nicht zu kriegen, Geld haben wir auch keins. Was tun? Das Beste daraus!
Erst einmal gehen wir zum Gottesdienst im Zwickauer Dom. Schön, ein richtiger Gottesdienst! In Zivil, unter Zivilen. Dann nehmen wir die Einladung der Frau des Superintendenten zum Mittagessen an. Sie fragt ihren Mann, ob er uns nicht noch den Dom zeigen will. Er will, und wir bekommen eine Führung durch den Dom. Das Essen war hervorragend: Hausmannskost statt Einheitsbrei. Ich durfte sogar noch bei Anke anrufen und meiner Freundin gratulieren. Die war allerdings noch nicht da, aber wenigstens konnte ich Grüße ausrichten und Bescheid geben, dass es mit dem Besuch nichts mehr wird.
Am Nachmittag machen wir uns auf den Rückweg. Das Motorrad könnten wir irgendwann abholen, und die Helme verwahrt er natürlich auch so lange. Wir bedankten uns herzlich. Mit dem Bus ging es dann von Zwickau nach Aue. Im Bus spricht uns jemand halb betrunken und in voller Lautstärke an: „Ihr seid doch von der Asche, oder? Das sehe ich doch. Wo seid denn ihr her?“ Mir wird ganz schlecht und wir sagen gar nichts. Endlich gibt er auf und nickt ein.
In Aue, es ist inzwischen fast vier, überlegen wir: Jetzt zurück ins Lager? Im Hellen wäre das viel zu gefährlich. Wir besuchen lieber Pfarrer Richter – und seine Töchter, vor allem die eine, hatte ich den Eindruck – in Bernsbach. Ins Zeltlager können wir danach auch noch und vor allem ist es dann dunkel. In Bernsbach wurden wir ebenso freundlich aufgenommen wie morgens in Zwickau und wie immer bei Richters, als sie noch in Albernau wohnten und für viele Bausoldaten ein Stückchen Heimatersatz waren. Die Töchter, vor allem die eine, waren auch da. Es gab Kaffee und Kuchen und Brettspiele und das Gefühl, bei normalen Menschen in einem normalen Haus willkommen zu sein. Dann gab es auch noch Abendbrot und gegen 10 machten wir uns auf den Weg nach Zschorlau.
Von Bernsbach geht es wunderbar abwärts nach Aue. Nur eines unserer beiden Fahrräder hatte Licht, und das war nicht gut. Kurz vor dem Krankenhaus nämlich traten zwei Gestalten auf die dunkle Straße und schwenkten eine rote Taschenlampe. Halt! Eine der beiden Personen trug Uniform, Polizei, die andere Zivil und eine Armbinde, die sie als „Freiwilligen Helfer der Volkspolizei“ kennzeichnete. Der Polizist stellte sich vor uns, der Helfer hinter uns. „Und, was haben wir denn falsch gemacht?“ fragte der Polizist. „Das Licht ist vorhin erst kaputt gegangen.“ „Das wissen Sie aber, dass man da nicht fahren darf. Da müssen Sie schieben.“ „Wir haben nicht so viel Zeit.“ „Wo wollen Sie denn eigentlich hin? Sie sind doch nicht von hier?“ „Nach Aue, zu Freunden.“ „Wer ist denn das? Und was machen Sie da?“ „Wir sind zu Besuch.“ „Nu, zeigen Sie mir doch erst einmal Ihre Personalausweise!“
Mist. Wir hatten nur Wehrpässe. Und keinen Ausgangsschein. Und damit nahm das Verhängnis seinen Lauf. Wir mussten unsere Räder zum Polizeirevier oder besser einer Art Wachstube schieben, wo der Polizist, der sich als ABV entpuppte, erst einmal in der Schneeberger Kaserne anrief. Wir sagten, nein, wir gehören nach Zschorlau, er sagte: „Hier steht aber Standort Schneeberg auf dem Wehrpass.“ Irgendwie kam er dann über die einzige Verbindung, eine Art Feldtelefon, im Lager an. Dort beschied ihm der Oberfeldwebel, dass bei ihnen niemand fehle, es also nicht sein könne, dass wir in Aue auf dem Revier festsitzen. Der Polizist sagte mehrfach „Genosse, sie sitzen aber hier und jemand muss sie abholen. Und zwar bald. Ich kann nicht die ganze Nacht hier aufpassen.“
Gegen 1 Uhr kam der Lkw der Baueinheit mit dem Oberfeldwebel. Er nahm uns in Empfang, würdigte uns allerdings keines Blicks, erst recht keines Worts, und fuhr mit uns zurück zum Zeltlager. Die Fahrräder wurden ebenfalls auf den W 50 gepackt. Das war überhaupt nicht so ausgegangen, wie wir es uns vorgestellt hatten. Wir verabredeten, alles auf uns zu nehmen, dass es unsere Räder sind. Und wir sagten uns: Das war ein schöner Tag. Und zum Glück hat uns niemand durchsucht und den Motorradschlüssel oder die Busfahrkarten gefunden. Die fliegen gleich noch über die Planke, nur zur Sicherheit. Für so einen tollen Tag nehmen wir auch ein paar Wochen Ausgangssperre in Kauf. Im schlimmsten Fall gibt es ja das Loch im Zaun. Und jetzt sind wir erst einmal richtig müde und fallen erschöpft ins Bett.