Ich schreibe und lese gern Briefe. Schon lange, aus Freude und um Kontakt mit Freunden und Familie zu halten. Hier werden Briefe vom Genussmittel zum Lebensmittel, ja zum Überlebensmittel. Ein Tag ohne Post ist schwer erträglich. Ein Tag ohne Post von der Freundin ist ganz schwer erträglich. Ich weiß, dass sie genügend zu tun hat. Und ein wenig Spaß am Leben will sie auch. Ich möchte, dass sie nie erfährt, wie abhängig ich von ihren Briefen ist. Nicht, dass sie anfängt, aus Mitleid zu schreiben. Oder schlimmer: Sich angebunden fühlt.
Gar nicht darüber nachdenken! Immer wieder hört man von Leuten, deren Freundinnen Schluss gemacht haben. Das Schlimmste ist: Man sitzt hier fest und kann nichts tun.
Heute kamen wieder einige Briefe. Wie fast immer, ist jeder Brief an einer Ecke aufgerissen. Die Älteren sagen, dass das die Postkontrolle macht. Die Stasi hätte da ein Zimmer im Stabsgebäude. Sie würden mit einem Zahnarztspiegel in die Briefe hineinsehen und sie lesen. Ich kann es nicht glauben, dass sie jeden Brief lesen. Es gibt ja auch ein Postgeheimnis. Die Zimmerkollegen lachen. Wahrscheinlich gilt das hier auch nicht. Die NVA ist ein Staat im Staat. Hier gelten andere Gesetze.