Sonntag. Kein Frühsport. Frühstück mit immerweichen Konsumbrötchen von gestern. Wir haben in den letzten Tagen immer wieder geübt, die verschiedenen Uniformen zu tragen. Die Ausgehuniform in Kombination mit Stahlhelm und Stiefeln ergibt die Paradeuniform. Die müssen wir heute tragen und noch einmal Paradeschritt und das Gelöbnis üben. Außerdem wird der Uniformsitz, die Rasur und die Reinheit der Stiefel vom Hauptfeldwebel peinlichst geprüft.
Dann wird es ernst. Der Bataillonskommandeur, ein Oberst, ist da. Neben ihm ein Oberstleutnant, den wir schon ein paar Mal aus der Ferne gesehen haben und von dem es heißt, er sei der Sicherheitsoffizier. Und Sicherheit heißt Staatssicherheit. Dazu jede Menge Offiziere vom Baubataillon, zu dem wir gehören, aber kein einziger Soldat.
Wir marschieren im Stechschritt ein, treten im Karree an, es gibt eine Rede des Obersten, des Oberstleutnants von der Stasi und eine glücklicherweise kurze vom Kompaniechef. Dann geloben wir:
„Ich gelobe: Der Deutschen Demokratischen Republik, meinem Vaterland, allzeit treu zu dienen und meine Kraft für die Erhöhung ihrer Verteidigungsbereitschaft einzusetzen.
Ich gelobe: Als Angehöriger der Baueinheiten durch gute Arbeitsleistungen aktiv dazu beizutragen, daß die Nationale Volksarmee an der Seite der Sowjetarmee und der Armeen der mit uns verbündeten sozialistischen Länder den sozialistischen Staat gegen alle Feinde verteidigen und den Sieg erringen kann.
Ich gelobe: Ehrlich, tapfer, diszipliniert und wachsam zu sein, den Vorgesetzten unbedingten Gehorsam zu leisten, ihre Befehle mit aller Entschlossenheit zu erfüllen und die militärischen und staatlichen Geheimnisse immer streng zu wahren.
Ich gelobe: Gewissenhaft die zur Erfüllung meiner Aufgaben erforderlichen Kenntnisse zu erwerben, die gesetzlichen und militärischen Bestimmungen zu erfüllen und überall die Ehre unserer Republik und meiner Einheit zu wahren.“(Quelle: Wikipedia)
Ich habe gelogen. Niemals werde ich das tun. Ich werde irgendwann alles erzählen, was ich hier erlebe. Ich werde jeden Tag einen Brief schreiben, damit ich es nicht vergesse. Und eure Ehrlichkeit kann mir gestohlen bleiben.
Nach dem Gelöbnis heißt es warten. Besucher müssen sich am KDL-Punkt melden, wie hier das Tor heißt. Wer Besuch hat, bekommt einen Ausgangsschein bis 15 Uhr und muss Ausgehuniform anziehen. Auch deren Sitz wird geprüft. Bei jedem einzeln. Zeit ist Macht.
Endlich ist es soweit, und ich renne zum Tor, wo meine Freundin und meine Mutter warten. Ich bin völlig von der Rolle und tue fast drei Stunden so, als wäre es nicht wahr, was ich die letzten Tage erlebt habe. Wir gehen irgendwohin essen. Auf der Straße verwirre ich meine Lieben, indem ich von Zeit zu Zeit die Straßenseite wechsle, und zwar, weil ich in der Ferne eine Uniform gesehen habe und auf keinen Fall jemanden militärisch grüßen will. Es wäre mir zu peinlich. Auch zum Küssen der Freundin komme ich kaum, wegen Mutters Blick. Und dann ist es drei, ich muss zurück, und den Rest des Tages verbringe ich in Depression. Es ist wahr, was war. Und es geht weiter.