Die erste Post ist da. Man bekommt sie nach dem Dienst, das ist gewöhnlich 16:30 Uhr, beim Nachmittagsappell. Diejenigen, deren Angehörige oder Freunde nicht brav „Bausoldat“ vor den Namen geschrieben haben, bekommen einen Rüffel und die Drohung, in Zukunft die Post nicht ausgehändigt zu bekommen. Mir hat die Freundin und die Mutter geschrieben. Ich antworte sofort.
Am Tag wurden Dienstgrade gelernt. Es gibt nur zwei Dienstgrade, über denen nichts mehr kommt: Armeegeneral und Bausoldat. Beförderung unmöglich. Ich bin beim Exerzieren aufgefallen und muss nach Dienstschluss die Straße kehren. An mir vorbei läuft ein Soldat, der plötzlich stehen bleibt und mir Ehrbezeigung macht. Den Spaten auf dem sonst glatten Schulterstück kannte er wohl nicht. Ich kann nicht lachen.
Am 10. November ist Gelöbnis. Wir dürfen nach dem Gelöbnis Besuch empfangen, und wer Besuch erhält, darf mit diesem für zwei Stunden die Kaserne verlassen. Wir lernen den Text auswendig. Wir üben das Gelöbnis, indem wir in Formation sprechen, was ein Unteroffizier vorpspricht. Die anderen Unteroffiziere gehen um uns herum und kontrollieren, ob auch jeder mitspricht. Ein Bausoldat meldet sich und sagt, dass er das Gelöbnis nicht mitsprechen kann, aus Gewissensgründen. Er wird am Abend zum Politoffizier bestellt und am nächsten Tag ist er nicht mehr da. Ein Gerücht macht die Runde, ein Name: Schwedt. Mein Gewissen sagt mir auch, dass ich das Gelöbnis nicht mitsprechen kann. Ich bringe es zum Schweigen. Vor Schwedt habe ich Angst.