Die nächsten Tage verlaufen im Gleichtakt. Wecken, Frühsport, Waschen, Essen, Exerzieren, Schulung, Sport, Essen, Schulung, Sport, Exerzieren, Essen. Zwischendurch Marschieren mit Stahlhelm und Marschgepäck. Wenig Freizeit mit langsamem Herantasten aneinander: Wem kann man vertrauen? Wem lieber nicht? Man hat so Sachen gehört: Die Stasi wäre gern überall, aber in einer Baueinheit ist sie mit Sicherheit.
Das Leben in der Armee wird durch die Dienstvorschrift geregelt. Wir werden über „Wachsamkeit und Geheimhaltung“ belehrt. Wachsamkeit heißt, dass wir kein Westradio hören dürfen. Es ist erlaubt, pro Stube ein Radio zu besitzen. Die erlaubten Radiosender, also die des DDR-Rundfunks, müssen markiert sein. Es ist verboten, mit Bürgern des kapitalistischen Auslands zu sprechen. Guten Tag darf man sagen, auch einem Touristen den Weg erklären. Dann soll man sich höflich zurückziehen. Wer zuhause Besuch aus dem Westen, „der BRD“, wie sie auch hier sagen, hat, darf keinen Urlaub beantragen. Wenn man im Urlaub unerwartet Westbesuch vorfindet, muss man sich beim örtlichen Standortkommandanten melden und den Urlaub abbrechen.
Geheimhaltung heißt: Es ist verboten, Tonaufzeichnungen herzustellen. Kassettenrekorder sind deshalb nicht erlaubt, bei Radiokassetten rekordern wird durch Techniker des Baubataillons das Kassettenteil außer Betrieb gesetzt. Ich beschließe: Niemals gebe ich meinen geliebten Babett-Radiokassettenrekorder einem Techniker des Baubataillons in die Hand. Der baut vielleicht noch eine Wanze ein. Es ist verboten, Tagebuch zu führen. Es ist verboten, irgendetwas über den Dienst aufzuschreiben oder anderen zu erzählen. Zu den geheim zu haltenden Dingen gehört alles, was mit der NVA zu tun hat. Verstöße gegen die Geheimhaltungspflicht werden mit Arrest oder Strafbataillon bestraft. Strafbataillon, das ist Schwedt.
Am Sonntag haben wir nur vormittags Exerzieren, und das auch nur als Strafe, weil es am Sonnabend nicht geklappt hat. Um 11 ist Schluss, wahrscheinlich wollen die Unteroffiziere auch nicht mehr.
Es ist etwas Zeit, einander kennenzulernen: Die Bausoldaten sind entweder 18 oder 19 wie ich und wollen studieren, das heißt, Theologie oder Gemeindepädagogik studieren, denn nach einem Bausoldatendienst ist kein anderes Studium möglich. Der Rest ist 26, die meisten Handwerker oder Arbeiter, manche kirchliche Mitarbeit und fast alle aus dem Erzgebirge oder Vogtland stammend. Von den 26jährigen sind fast alle verheiratet. Auf sie schaue ich mit dem Gefühl ungeheurer Ehrfurcht: 26 Jahre – das ist uralt. Die drei Erzgebirgler aus meinem Zimmer triefen vor Lebenserfahrung. Wenn sie sich untereinander unterhalten, erzgebirgisch, verstehe ich nichts.
Würde ich mich hier einleben können? Und will ich das?
Wir beten am Abend gemeinsam. Schwierig: Die älteren kommen alle aus Freikirchen, in denen es üblich ist, seine Gedanken und Gefühle im Gebet offenzulegen. Mir fällt das schwer. Ein Gebet ist eine intime Sache zwischen Gott und mir, und was ich Gott sagen möchte, geht sonst niemanden an.
Wir müssen unsere Zivilsachen in ein Paket packen und nach Hause schicken. Davor ziehe ich sie noch einmal kurz an, nur, um das Gefühl einer Jeans auf der Haut zu spüren. Zum Glück kommt gerade keiner.