2. November 1984: Grundausbildung

Ein Pfiff weckt mich. Dann folgt ein Ruf: „Kompanie, Nachruhe beenden! Fertigmachen zum Frühsport!“ Frühsport. Ich habe niedrigen Blutdruck. Es ist 6 Uhr. Im Zimmer, das hier Stube heißt, rumort es. Alle ziehen den Traingsanzug an. Der nächste Pfiff, der nächste Ruf „Kompanie, raustreten zum Frühsport!“ Es ist fünf nach sechs. Gedrängel im Treppenhaus. Draußen ist es kalt und dunkel, fahle Gesichter über braunen Trainingsanzügen. Einzig der Unteroffizier verbreitet Frische: „Guten Morgen, Genossen!“ Dünn, denn nur die, die schon länger da sind, kennen die richtige Antwort: „Guten Morgen, Genosse Unterfeldwebel!“ „Rechtsum! Im Laufschritt, Marsch!“ Der Laufschritt vertreibt an diesem Morgen die Kälte, aber was soll im Winter werden?

Nach zehn Minuten werden wir entlassen. Waschen – ein Waschraum mit acht Waschbecken und vier Duschen für 72 Männer. Es ist eng. Der Gruppenführer kommt auf das Zimmer und erklärt den Bettenbau. Bettenbau – ein normaler Mensch denkt da an einen Tischler. Ein Soldat weiß: Es geht darum, wie man das Bett richtig macht. Die Bettwäsche ist auch kleinkariert, die Karos müssen exakt in einer Reihe liegen. Da es keine Federbetten, sondern nur Wolldecken gibt, ist das relativ einfach.

Um sieben Uhr der nächste Pfiff: „Kompanie, raustreten zum Frühstück!“ Von den erfahrenen Zimmermitbewohnern sehen wir uns ab, dass jetzt die Dienstuniform K2 angesagt ist. Das Frühstück ist mit dem Abendessen von gestern identisch, außer, dass es zum Konsumbrot noch einen Klecks außerordentlich fester Marmelade gibt, dazu wird Kaffee ausgegeben. Leider ist es Malzkaffee. Ich brauche morgens Kaffee, Bohnenkaffee. Wie komme ich zu einem Kaffee? Nach nur 15 Minuten heißt es: „Kompanie, antreten!“ und es geht zurück zum Block und auf die Stuben. Jetzt sage ich auch schon „auf die“ Stube. Zeit für eine morgendliche Zigarette – aber wo raucht man hier?

Wenig später tönt es wieder: “ Kompanie, raustreten zum Morgenappell!“ Der Hauptmann wieder, und neben ihm noch einer, mit geflochtenen Schulterstücken. Er tönt norddeutsch und nuschelt, als ob er gestern getrunken hätte. So wie er aussieht, ist das nicht unwahrscheinlich. Die Kompanie wird geteilt, die Alten gehen zur Arbeit, die Neuen werden belehrt: Ich bin der Kompaniechef, Major P. das ist der Politoffizier der Baueinheit, Hauptmann V. Das ist der Hauptfeldwebel der Kompanie, Stabsfeldwebel B. Befehle sind auszuführen. Sie sollten eigentlich vier Wochen Grundausbildung machen, das ist verkürzt auf zwei Wochen. Wir werden aus Ihnen noch richtige Soldaten machen. In den Reihen murrt es, mir aus dem Herzen: Ich bin hier, weil ich kein Soldat werden wollte. Aber das habe ich mir wohl etwas naiv und anders vorgestellt.

Der Major geht, der Hauptmann redet weiter. Erste Einheit: Befehle. Befehle werden ausgeführt. Befehle müssen nicht ausgeführt werden, wenn sie gegen die Menschenrechte oder die Haager Landkriegsordnung verstoßen. Die DDR ist ein international anerkannter Staat und hält sich an das Völkerrecht und internationale Abkommen. In einer sozialistischen Armee werden keine Befehle erteilt, die gegen die Menschenrechte verstoßen, deshalb gilt: Befehle werden ausgeführt, beschweren können Sie sich hinterher. Jetzt werden Sie exerzieren lernen.

Das war dann der Rest des Vormittags: „Komanie, stillgestanden!“ „Rechts um!“ Links um!“ „Im Gleichschritt, marsch!“ usw. Zermürbend vor allem die Ödnis der immergleichen Bewegungsabläufe und das fortwährende Geschrei. Nach dem Marschieren kam das Haltung annehmen: „Stillgestanden! Rührt Euch! Stillgestanden! Die Augen rechts! Augen geradeaus! Abteilung, kehrt!“ Und wehe, einer dreht sich nach rechts! Nach links wird gekehrt! Die Unteroffiziere wechselten einander ab und hatten dadurch allzeit frische Stimmen. Nur einer fiel auf, der hatte einen Sprechfehler und konnte nur nuscheln. Für das Exerzieren reichte es aus, aber wehe, einer grinste und wurde angeschnauzt. Dann wusste man gar nicht, was man antworten sollte, weil gar nicht zu verstehen war, was der arme Mensch da eben gesagt hatte. Ich musste natürlich grinsen. Irgendwann ging es dann im Gleichschritt zur Kantine. Essen. Es war versalzen, aber immerhin mit Fleisch. 20 Minuten, dann hieß es „Kompanie raustreten!“, und wer Pech hatte, hatte eben erst sein Essen bekommen.

Nach dem Essen konnte man rauchen. Dazu war eine Raucherinsel eingerichtet worden, die sich direkt unter dem Zimmer des Hauptfeldwebels befand. Das machte die kommunikative Funktion des Rauchens zunichte. Auch kannte man die anderen nicht, und Vertrauen stellt sich nicht so leicht in in feindlicher Umgebung.

Nach der Mittagspause gab es eine Schulung durch den Polithauptmann. Es ging um das sozialistische an der NVA, um Befehle, die Bedrohung durch die NATO, die Trennung von Staat und Kirche und daraum, dass er früher Politoffizier in einer MotSchützen-Einheit war, wo es ganz anders in der Grundausbildung zugegangen wäre. Dann ging es mit Exerzieren weiter bis zum Abendbrot, danach war endlich Ruhe. Ein Brief an die Freundin, die Zimmernachbarn kennengelernt, festgestellt, dass mein Studienkollege Christian auch hier ist, aber in einem anderen Haus im Block, vereinbart, dass wir zusammen Latein lernen, in den Laden gegangen, Schloss gekauft. Fertig.

„Nachtruhe!“