1. November 1984. Einberufung.

Früh aufstehen, Tasche ist schon gepackt, dann auf zum Bahnhof.

Im Zug von Leipzig nach Brandenburg treffe ich zwei Freunde. Beide waren schon beim Friseur, von einem, Thilo, wusste ich, dass er auch nach Brandenburg muss. Den zweiten Freund, Frank, habe ich nach langer Zeit wiedergetroffen. Es war mir ein Trost.

Im Zug waren ausschließlich junge Männer, außer uns dreien keine als Bausoldaten erkenntlich. Es wurde reichlich getrunken. Vor dem Bahnhof in Brandenburg standen Uniformierte mit und ohne Verzierungen, die die jungen Männer mit ihren Reisetaschen ansprachen und ihnen erklärten, dass schon ein Auto auf sie wartete. Tatsächlich standen W-50-Lastwagen mit Bänken auf den Ladeflächen bereit, und im Sog der Menge gerieten wir auch hinauf, um uns gleich zu ärgern: Jetzt würden wir sofort den Wehrdienst antreten, dabei hätten wir den tag doch noch in Freiheit verbringen oder wenigstens noch ein Bier trinken können. Zu spät, der LKW fuhr ab, die jungen Männer in Zivil wurden stille, denn auf den hinteren Plätzen saßen Uniformierte, die etwas auf den Schulterstücken und darum wahrscheinlich etwas zu sagen hatten. Noch waren sie ruhig.

Laut wurde es dann, als sich die Schranke der Kaserne Hohenstücken hinter uns schloss und der LKW hielt. Die Uniformierten vom Wagen sprangen sportlich ab, dann wurden Rufe laut: „Absitzen!“ „Antreten!“ Auf mir nicht bekannte Weise waren wir alle richtig – etwa siebzig junge Männer standen in loser Dreierreihe, ihre Taschen auf der Schulter und Unsicherheit im Gesicht. Es wurde weiter geschrieen: „Links um!“ und zum ersten Mal trat Hauptmann V. auf. Ein kleiner, drahtiger Mann mit spitzer Nase, der uns begrüßte. Auf den Text der Begrüßung konnte ich nicht hören, aber der Satzbau fiel mir auf. Irgendetwas stimmte daran nicht, abgesehen von der Anrede als „Genossen“. Das war das erste Mal, dass ich mit der Armeesprache in Berührung kam. Der Hauptmann erklärte uns ausführlich, dass wir jetzt Befehlen zu gehorchen hätten und wurde von einem dicken Mann mit Säufernase abgelöst, der sich als Stabsfeldwebel B. und Hauptfeldwebel der Kompanie vorstellte. Er las alle Namen vor, und fast alle gabem sich mit „Hier!“ als anwesend zu erkennen. Nur wenige Namensrufe erhielten kein Echo. Ich dachte: „Die waren schlauer und haben sich nicht gleich greifen lassen.“

Es war inzwischen Mittagszeit geworden, aber an Essen war nicht zu denken. Wir wurden erneut namentlich aufgerufen und in Gruppen geteilt, von denen jeder einen Unteroffizier als Gruppenführer zugewiesen wurde. Dann redete der Gruppenführer und las wieder Namen vor, diesmal ging es um die Stubeneinteilung. Wir gingen nicht in die Stube, sondern auf die Stube, und erfreulicherweise waren sowohl Thilo als auch Frank auf derselben Stube. Ich fühlte mich schon weniger einsam. Die Stube hatte vielleicht 20 Quadratmeter, drei Doppelstockbetten aus grau lackiertem Eisen, von denen die drei unteren Betten eindeutig gemacht und belegt waren, sechs Spinde, einen Tisch und sechs Stühle. Kein Schmuck, keine Tapete, keine Gardine, nur dunkle Vorhänge. Die Wände gelb, der Boden graues Linoleum. Kein Ort, der den Namen Stube tragen sollte.

Jeder bekam einen Spind zugewiesen und den Hinweis, dass es in der Kaserne einen Laden gäbe, in dem man ein Vorhängeschloss kaufen könnte. Dann hieße es: „Raustreten!“ So ging es den ganzen Tag weiter: Raustreten, antreten, im Gleichschritt zum Magazin, wo wir Stück für Stück eingekleidet wurden: Zuerst gab es Unterwäsche. Lange Unterhosen, und zwar nur lange Unterhosen, die für dicke Männer geschnitten und wahrscheinlich schon hunderte Male gekocht worden waren und langärmelige Unterhemden in weiß von ebensolchem Format. Wir mussten sofort einmal Unterwäsche anziehen und uns anstellen. Von Zeit zu Zeit wurden die wenigen Langhaarigen angeraunzt, sie würden wie Mädchen aussehen. Nach einem kurzen Marsch in Unterwäsche, glücklicherweise nur innerhalb des Magazingebäudes und fast unter Ausschluss von Zeugen, bekamen wir Trainingsanzüge. Braun, mit rotgelbem Streifen auf der Jacke, aus irgendeinem synthetischen Stoff und mit Abzeichen des Armeesportvereins „Vorwärts“.

Jetzt konnten wir endlich Essen gehen. Es gab Griessuppe, wässrig, versalzen, widerlich. Nach dem Essen gab es eine kurze raucherpause, dann ging es weiter im Rhythmus „Auf die Stuben, weggetreten!“, „Kompanie, raustreten!“, „Im Gleichschritt, marsch!“ zum Magazin, wo wir immer neue Uniformteile erhielten, mit denen wir dann auf die Stuben wegtreten durften. Es gab „K1“, die Ausgehuniform, bestehend aus Jacke, Hose und zwei Hemden, Schirmmütze, Koppel, Krawatte und Halbschuhen, dann „K2“, die Dienstuniform, aus Filzstoff, bestehend aus Hose, Jacke und Kragenbinden, dazu ein Käppi, Hosenträger, noch ein Koppel und zwei Paar Stiefel. Als wir diese erhielten, mussten wir die Trainigsanzüge gegen die Dienstuniform tauschen. Im Anschluss folgte eine genaue Anweisung, wie die Uniform zu tragen ist: Knöpfe geschlossen, Käppi mittig „Und Sie, Genosse Bausoldat, gehen jetzt sofort zum Friseur!“ Das war ich. Und nach einem Blick auf die Reihen wurden die ebenfalls noch behaarten auch aufgefordert. Der kleinen Gruppe wurde ein Unteroffizier beigestellt, der uns im Gänsemarsch zum Friseur brachte.

Meine Haare. Mein Stolz. Mein Protest. Ich habe mir vorgenommen, nicht zu weinen. Ich musste mich ermahnen, nicht zu weinen. Ein paar Tränen stahlen sich dann doch in die Augen, und ich musste nicht sofort in ganzer Klarheit im Spiegel sehen, was ich sehen musste. Zum Klagen blieb gar keine Zeit, denn inzwischen gab es die Felddienstuniform K3, mit Tarnmuster, nur bestehend aus Hose und Jacke, außerdem die Arbeitsuniform, von der es aber zwei Sorten gab, entweder in verwaschenem Gelbgrau oder in verwaschenem Blaugrau. Gemeinsam hatten sie, dass sie niemandem passten und die ganze Kompanie in Arbeitsuniform aussah wie eine Ansammlung von Doppelkegeln.

Über diesen Verkleidungsübungen verging der Tag. In der Stube warteten irgendwann die dort schon Wohnenden, die uns herzlich empfingen und sich als angenehme Zimmergenossen herausstellen sollten. Irgendwann gab es Abendbrot, Brot mit viel Wurst und lächerlich wenig Butter, dazu Jugendherbergskräutertee, dann gab es noch irgendetwas auszugeben und dann war endlich Ruhe. Zeit für ein Gespräch mit Frank und Thilo, Zeit, die neuen Zimmerbewohner nach gemeinsamen Bekannten zu fragen und einen ersten Brief an die Freundin zu schreiben.

Dann war wieder ein Ruf zu hören: „Fertigmachen zur Nachtruhe!“ Es war 21.45. Fertiggemacht hatten sie uns ja den ganzen Tag, und als Punkt 10 der nächste Ruf „Kompanie, Nachtruhe!“ verkündete, war ich gern im Bett und restlos erschöpft.