6. Februar 1985. Überraschender Besuch.

Heute nachmittag kam der GUvD zu mir: Ich hätte Besuch. Ausgangsuniform anziehen, zum Besuchszimmer laufen. Das ist am anderen Ende der Kaserne, bestimmt ein Kilometer Fußweg, vorbei am Sportplatz, an den Blöcken der Mot-Schützen, die den größeren Teil der Kaserne Hohenstücken belegen.

Überraschung: Zwei Freunde aus Velten sind da. Ich kenne sie aus der Hohen Tatra, wo ich im letzten Sommer hingetrampt war und im kalten Poprad ohne Zelt gefroren hatte. Sie hatten mich freundlich in ihre Gruppe aufgenommen und wir sind zusammen durch das Gebirge gewandert. Seitdem bin ich mit einem der beiden im Briefkontakt. Er hatte schon geschrieben, dass er mal kommen würde.

Wir plaudern über den Tatra-Urlaub, über die Armee, das Leben draußen. Die Atmosphäre im Besucherraum ist gräßlich: Kalte Ausstattung, Neonrähren an der Decke, Sprelacart-Tische, Schulstühle, die bei jedem Verrücken lärmen. An den Wänden die üblichen Bilder: NVA-Soldaten im Gegenlicht, Blick über den Schiffsbug mit Kanone auf das Meer, Massensportler beim Turn- und Sportfest.

Die Besuchszeit ist nur eineinhalb Stunden kurz, von denen ich schon zehn Minuten mit dem Fußweg durch die Kaserne verschwendet habe. Ein Unteroffizier kommt herein und verkündet das Ende, aber in zivilem Ton. Mein Freund greift in seine Tasche und drückt mir unter dem Tisch eine Papiertüte in die Hand. Sie fasst sich hart an. Ein „Rohr“, auch „Null-Siebener“ genannt. Ich trinke ja kaum Schnaps, aber freue mich gewaltig. Jetzt muss ich das gute Stück nur noch durch die ganze Kaserne bringen.

Wir verabschieden uns herzlich, und auf dem Rückweg durch die Schluchten der Mot-Schützen-Blöcke übersehe ich doch tatsächlich einen Oberleutnant von denen. Er brüllt: „Genosse Soldat! Stillgestanden! Könnse nich grüüßn?“ Ich druckse herum und hoffe, dass mein Ausgangsuniformmantel keine Beule hat. Auf die korrekte Anrede mit „Genossen Bausoldat“ möchte ich jetzt auch nicht bestehen. Es folgt das Übliche: Ich muss dreißig Meter zurück, noch einmal in die ursprüngliche Richtung gehen, zehn Meter vor dem Oberleutnant die Hand an die Mütze führen und den Blick zu ihm richten.

Die sind doch alle doof hier. Ich mache einen Bogen um die Telefonzelle, vor der wieder eine Riesenschlange steht. Eine einzige Telefonzelle, und das sind bestimmt 1.000 Soldaten hier. Mit meiner Flasche komme ich unbehelligt in unsere Stube. Die Mitbewohner freuen sich. Es ist ein Korn, echter Nordhäuser. Er tut gut, und zu sechst ist eine Flasche gar nicht viel.