29. Dezember 1984. Nach Hause.

Urlaub. Endlich. Zum ersten Mal seit dem Gelöbnis das Kasernentor durchschreiten. Vorher gab es ausführliche Belehrungen über das Verhalten im Urlaub: Keine Zivilerlaubnis, kein Kontakt mit Personen aus dem kapitalistischen Ausland, nichts über den Dienst erzählen. Den Kontakt mit Westpersonen hatte ich ohnehin nicht vor, aber das andere sehr wohl.

Die Ausgangsuniform wurde noch einmal gründlich geprüft, der Haarschnitt, einer muss sogar noch einmal zum Friseur. Mittags dürfen wir dann endlich gehen. Am KDL die Urlaubspapiere zeigen, und dann, endlich: Frei. Hingehen dürfen, wo immer ich will.

Ich will natürlich nach Hause und wundere mich wieder über die kleinen Straßenbahnen von Brandenburg. Bald kommt auch ein Zug, am späten Nachmittag bin ich im wintergrauen Leipzig. Das tut gut. Ich verabschiede mich von denen, die noch weiter müssen, und denke, dass ich Glück habe, nur zwei Zugstunden von zu Hause hingeschickt worden zu sein.

Ich genieße: In Leipzig wieder mit einer richtigen Straßenbahn fahren. In meinem Viertel die vertrauten Straßen zu gehen. Mein Haus, die Treppen knarren wie immer. Ich habe keinen Schlüssel und klingele. Meine Mutter öffnet, umarmt mich und sagt „Gut siehst du aus!“ Das nehme ich ihr übel. Immerhin trage ich die Uniform. Aber Mutter hatte immer schon diese Schwäche für Uniformen, und selbst ein Satz wie „Ein Deutscher in Uniform sieht immer gut aus.“ rutscht ihr schon einmal heraus. Dieser Satz rutscht mir jetzt heraus, und die Stimmung ist ganz im Eimer. Ich ziehe mich um und besuche die Freundin, bei der meine Freundin den Jahreswechsel verbringt.

In Zivil die Straßen von Schleußig entlang zu laufen, ist wunderbar. Ich ärgere mich nur über meine Mutter, und ein bisschen über mich. Ich rauche im Gehen, schon, weil ich es darf. In der Kaserne würde es dafür Ausgangs- und Urlaubssperre geben oder sonst etwas. Ach, pfeif auf Armee!

Bei der Freundin ist nicht nur die Freundin, sondern noch ein paar weitere Freunde. Ich werde herzlich empfangen, ausgefragt, es gibt Tee und Spaghetti. Bei uns gibt es immer Spaghetti. Es ist eine ausgelassene Stimmung. Ich habe immer mehr das Gefühl, dass sie aus einer anderen Welt sind. Die running gags sind schon andere geworden. Ich möchte über die Ungerechtigkeiten sprechen, die mir widerfahren sind in den letzten Wochen, aber meine Freunde lachen miteinander. Ich möchte an der Schulter meiner Freundin weinen, aber sie scherzt und amüsiert sich prächtig. Irgendwann, nachts um halb zwei, gehe ich nach Hause.

So lange war ich seit Wochen nicht mehr munter. Auf dem Heimweg hält ein Polizeiauto neben mir. Zwei Polizisten steigen aus und wollen meinen Personalausweis sehen. Ich habe keinen, und Wehrpass und Urlaubsschein liegen auch zu Hause. „Was tragen Sie da für einen Aufnäher an der Jacke?“ Mir wird schlagartig eiskalt. Mit dem verbotenen „Schwerter zu Pflugscharen“-Aufnäher im Urlaub herumzulaufen, wenn man gar keine Erlaubnis hat, Zivil zu tragen, war keine gute Idee. Sie nehmen mich mit zur Wache, „zur Feststellung der Personalien“ oder so ähnlich. Wir fahren an meinem Haus vorbei, ich bitte sie, kurz anzuhalten, damit ich meine Papiere holen kann. Nichts da, es geht zum Polizeirevier. Ich werde in einen hässlich graugelben Raum gesperrt, mit flackerndem Neonlicht. Dann werde ich von einem Polizisten befragt, dann allein gelassen. Nach einer Weile kommt ein anderer Polizist und fragt mich, wie ich denn als Angehöriger der bewaffneten Organe mit einem Aufnäher herumlaufen könnte, der gegen Waffen ist. Ich verzichte, ihm zu erläutern, dass ich mich nicht als Teil der bewaffneten Organe sehe, sondern Wehrdienst ohne Waffe leiste. „Da wenden Sie sich doch gegen Ihre eigenen Leute!“ Weil er es in tiefstem Sächsisch sagt, klingt es nicht so absurd, wie es ist. Der zweite Polizist kommt herein, mit einer Schere. Ich muss den Aufnäher abtrennen. Unter anderen Umständen hätte ich mich auf die in der Verfassung der DDR garantierte Meinungsfreiheit berufen und mich geweigert. Aber jetzt hatte ich vor allem die Befürchtung, bei mangelnder Kooperation an die Militärpolizei überstellt zu werden. Und das wäre das Ende meines lang ersehnten Urlaubs gewesen.

Die Polizisten verlassen den Raum. Ich darf rauchen. Ich rauche eine nach der anderen, so nervös bin ich. Aus einem anderen Raum ist zu hören, dass jemand telefoniert, aber nicht, was gesprochen wird. In Gedanken verbringe ich Silvester in der Kaserne und habe ein Disziplinarverfahren am Hals. Nach insgesamt zwei Stunden, in denen von Zeit zu Zeit einer der beiden Polizisten ins Zimmer kommt. Irgendwann kommen sie beide und sagen: „Sie können nach Hause gehen.“

In diesem Moment habe ich aus tiefstem Herzen gebetet: Gott sei Dank!

Zu Hause war Mutter wie immer noch nicht im Bett. Bevor ich nicht zu Hause war, legte sie sich nie schlafen. Ich habe mich immer wahnsinnig darüber aufgeregt, aber heute dachte ich: Es ist wie immer, es ist Zuhause.