9. November 1984: Ein Tag wie alle anderen.

Nach reichlich einer Woche freue ich mich nur darauf, dass am Sonntag meine Freundin kommt. Meine Mutter hat auch zugesagt, darüber freue ich mich auch, außer, dass es wohl Probleme geben wird. Mutter ist etwas eigen, und diese Freundin gefällt ihr nicht. Leider ist Mutter so eigen, dass sie mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg halten kann. Wahrscheinlich habe ich diese Eigenschaft sogar von ihr. Und eigentlich will ich die ganzen zweieinhalb Stunden lieber mit meiner Freundin zusammen sein. Aber Mutter ausladen geht auch nicht. Egal, Hauptsache, erstmal raus hier.

Nach der Schulung im Militärstrafrecht reden wir noch weiter. Immer wieder taucht der Name Schwedt auf. Schwedt, das ist zweierlei: Einerseits das Militärgefängnis, andererseits das Strafbataillon. Vom Militärgefängnis weiß keiner etwas, über das Strafbataillon gibt es Gerüchte: Wecken um fünf, Arbeit bis fünf am Nachmittag, dann noch Politschulung und Exerzieren. Eine halbe Stunde Freizeit am Tag. Kein Ausgang, kein Urlaub. Verhängen kann diese Strafe der Kompaniechef, für zwei bis drei Monate, nach denen es noch von der Führung abhängig ist, ob noch ein Monat angehängt wird.

Ich bete für den Bausoldaten, der das Gelöbnis verweigert hat. Und für mich, dem der Mut dazu fehlt.

Angst ist hier der Normalzustand.