25.-27. Februar 1985. Gerüchte. Darf man lügen?

Langsam wird es etwas wärmer. Ich bekomme immer noch keinen Ausgang.

Die Gerüchte verdichten sich: Wir sollen verlegt werden. Mehr ist aber nicht zu erfahren.

Wir diskutieren in größerer Runde im Zimmer, ob man Vorgesetzte belügen darf. Die Frommen aus meinem Zimmer sagen: Nein. Es ist ein Gebot: Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen. Andere sagen: Wenn du durch eine Lüge einen Bruder vor Verfolgung schützen kannst, kann die Lüge das kleinere Übel sein. Wieder andere sagen: Wenn keiner einen Schaden davon hat, ist eine Lüge nicht schlimm. Und wieder andere: Im Zweifelsfall kann man auch etwas weglassen, also nichts sagen. Das ist keine Lüge.

Mit Brüdern zusammenzuleben, die jede Lüge gegen Vorgesetzte ablehnen, macht mich nicht sicherer. Wenn ich mal etwas Verbotenes tue und sie wissen es und werden direkt danach gefragt, werden sie es sagen. Nichts Verbotenes zu tun, ist zu schwierig, denn hier ist fast alles verboten. Und etwas Verbotenes unbemerkt zu tun, ist auch nicht leicht, wenn man so gedrängt lebt. Die unbedingte Ehrlichkeit wird zum verlängerten Arm der so schon allgegenwärtigen Obrigkeit.