Ich habe mich morgens krank gemeldet. Das funktioniert wie mit dem Ausgang, man trägt sich in ein Buch ein, dass man zum Arzt will. Wenn man nicht arbeiten kann, muss man zum Arzt. Der Arzt sitzt im „Med.-Punkt“ – Namen haben die hier. Über den Arzt erzählt man sich nichts Gutes: Wer wird schon Militärarzt?
Der Militärazt erweist sich aber als umgänglich. Grippaler Infekt, Diagnose 465. Einstufung: Innendiensttauglich. Wir Kranken gehen „Ohne Tritt marsch“ zum Block zurück und werden dem „Spieß“ vorgestellt. Der teilt die Kranken zum Innendienst ein, für mich heißt das: Straße kehren. Ich wende ein, dass ich erkältet bin und Kopfschmerzen habe. Der „Spieß“ bleibt hart: Befehle sind auszuführen. 20 Minuten später, als es niemand sieht, ruft er mich von der Straße, ich soll Staub wischen im Kulturraum. Aus den Praxiszeiten meiner Lehre weiß ich, dass es nichts Dümmeres gibt, als nach den 30 Minuten, die das Staubwischen dauern würde, wenn man es gleich und schnell täte, zurück zum Spieß zu gehen und zu sagen, ich bin fertig. Stattdessen gehe ich mit Staubtuch, Eimer und gebeugter Schulter durch den Block, immer da lang, wo der „Spieß“ gerade nicht ist, und entdecke eine mir völlig neue Welt: Die Innendienstler. Sie haben verschiedene Krankheiten, die sie pflegen. Manche sind schon seit Wochen nicht mehr auf der Baustelle gewesen. Sie haben Kontakt zum Schreiber, einem Bausoldaten, der ständig um den Kompaniechef und den Hauptfeldwebel sein muss und alles weiß. Zum Beispiel, dass der „Spieß“ über Mittag zum Bataillonsmagazin muss, was niemals schneller als vier Stunden geht. Für den Innendienstler ist das die Zeit, in der er sich noch einmal ins Bett legt.
Möglichkeiten tun sich auf: Zwei der Kranken stehen in Ausgangsuniform bereit, kein „Spieß“ kontrolliert sie, der Schreiber unterschreibt ihren Ausgangsschein. Sie müssen zu einem Facharzt in die Stadt. Ein älterer, chronisch kranker Bausoldat erklärt mir, was besonders gut ist: Alles mit Gelenken und Rücken, denn in der Kaserne gibt es weder einen Orthopäden noch eine Physiotherapie. Und wenn man zu einem bestimmten Orthopäden geht, bekommt man nicht nur einmal zwölf Rezepte für die Physiotherapie, sondern noch weitere zwölf und manchmal sogar sechsunddreißig Einzeltermine. Das sind über sieben Wochen, die man jeden Tag draußen ist. Wenn man Glück hat, erwischt man ncoh eine nette Physiotherapeutin, die hübsch ist und nicht jedes Rezept quittiert. Dann kann es noch länger dauern. Leider habe ich keine Rücken- oder Gelenkschmerzen, auch wenn es verlockt. Besonders faszinierend ist, dass die Innendienstkranken regelmäßig auch nach Feierabend Ausgang kriegen. Ein Wunder ist es nicht, denn sie fallen niemandem unangenehm auf.
Ich bin auf einem Auge kurzsichtig und hatte früher eine Brille. Außerdem habe ich krumme Füße und musste deshalb schon mal Einlagen tragen. Der erfahrene Kranke rät mir, dem Arzt nicht alles auf einmal zu sagen.