Herbst 1984: stud. theol., sehr fromm und auch noch verliebt

Ich wurde 1965 in Leipzig geboren. Meine Mutter zog mich und meine Schwester seit meinem fünften Lebensjahr allein auf. Ich wurde lutherisch getauft und besuchte Christenlehre und Konfirmandenunterricht. Mit neun Jahren wollte ich unbedingt Pionier werden, um dazuzugehören, mit 14 nahm ich an der Jugendweihe teil. Konfirmiert wurde ich ein Jahr später.

Danach besuchte ich die Junge Gemeinde in Leipzig-Schleußig und fand dort eine neue, größere Familie. Hier konnten die Dinge besprochen werden, für die Eltern ungeeignet und die, die in der Schule tabu waren. Dazu gab es angenehme Geselligkeit, Sport, Spiele und zwei großartige Pfarrer.

Nach der Polytechnischen Oberschule erlernte ich den Beruf eines Elektromonteurs. Abitur war nicht drin, nicht wegen mangelnder Leistungen, sondern wegen meiner Herkunft aus einem Angestelltenhaushalt und meines christlichen Bekenntnisses, das ich zum Leidwesen mancher Lehrer allzu oft und oft zu laut vor mir hergetragen habe. Elektriker werden zu können, war schon ein Glückstreffer. Während der Lehre verweigerte ich das Schießen in der obligatorischen vormilitärischen Ausbildung und erhielt eine entsprechende Beurteilung zum Facharbeiterzeugnis. Außerdem hatte ich sehr schnell in der Berufausbildung gemerkt, dass Elektromonteur zwar ein schöner Beruf ist, aber nicht für mich.

Durch Zufall hörte ich, dass es am Theologischen Seminar Leipzig, einer kirchlichen Hochschule, möglich war, eine zum Studium der Theologie berechtigende Vorausbildung zu absolvieren und so ohne Abitur studieren zu können. Meine Bewerbung war erfolgreich, und so fand ich mich nach der Lehre als Theologiestudent in einer ganz neuen Welt. Mitten in Leipzig gab es eine Hochschule, an der man frei reden und lernen konnte, mit einer fantastisch ausgestatteten Bibliothek, in der nur wenige Bücher im Giftschrank standen. Ich lernte Geschichte, die nicht auf das Schema Klassenkampf beschränkt war, Literaturgeschichte, in der nicht Apel und Ostrowski das Maß der Dinge waren, dazu Latein und Griechisch.

Ich war sehr fromm. Gottesdienst und Andacht und tägliche Bibellektüre waren selbstverständlich. Durch Freunde hatte ich Kontakt zu evangelikalen Kreisen, war genauso begeisterter Besucher und ehrenamtlicher Mitarbeiter beim Kirchentag 1983 wie wenn Pater Roché in Leipzig oder Dresden war oder Theo Lehmann predigte. Durch andere Freunde war ich im Kontakt mit der kirchlichen Friedensbewegung in Leipzig. Für mich passte das alles durchaus zusammen. Dass man dadurch in Konflikt mit der Staatsmacht kam, war eine normale Folgeerscheinung. Ich habe nie Zweifel an der Existenzberechtigung der DDR gehabt, sondern die Zweistaatlichkeit als Folge des Kriegs angesehen. Die Mauer war da, so wie es im Winter kalt war und nach Schwefel roch, nicht schön, aber nicht zu ändern. Meine Verwandten lebten zum großen Teil im Westen und wir standen mit ihnen im Briefkontakt. Darüber hinaus war Leipzig zweimal im Jahr zur Messe eine offene Stadt, es war nicht schwer, mit Leuten aus dem Westen über die Familie hinaus bekannt zu werden. Das machte es über das biblische Gebot der Feindesliebe hinaus schwer, die „Bundis“, wie wir damals sagten, überhaupt als Feinde zu sehen.

Ich hatte lange Haare, glaubte gern, dass Jesus auch langhaarig und ein Gammler war. Und dann war ich im Herbst 1984 auch noch frisch verliebt. An Wehrdienst war überhaupt nicht zu denken.